Game of Thrones legal anschauen – ein Experiment aus den USA

Posted on Mai 15, 2012

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„Ihr wollt doch alle das Urheberrecht abschaffen. Und wenn dann kein Künstler mehr arbeiten kann, weil er kein Geld mehr bekommt, seht ihr, wo ihr bleibt!“

„Nur, weil alle die Äpfel kostenlos haben wollen, kann der Obsthändler sie noch lange nicht verschenken! Der Bauer will ja auch von was leben!“

Diese oder eine ähnliche Aussage fällt beinahe zwingend von irgendeinem Zuhörer, sobald man zurzeit in Deutschland die Themen „Piratenpartei“, „Urheberrecht“ oder „Vermarktungsstrategien im Internet“ anschneidet. Während mancher Netzrandalierer (siehe Zeit) das Urheberrecht am liebsten gleich ganz abschaffen möchten, geht es vielen cinesiastisch interessierten Internetusern weniger um das Urheberrecht (denn natürlich kostet die Produktion von Kunst Geld und natürlich soll der Künstler daran verdienen), sondern um die Vermarktung selbiger Film- und Fernseh-Kunstwerke im Internet. Gerade, wenn es um den legalen Konsum aktueller TV-Produktionen aus Übersee geht, guckt der zahlungswilige Konsument häufig in die Röhre – denn der legale Konsum des begehrten TV-Guts wird ihm nicht selten für einen gewissen Zeitraum schlechterdings unmöglich gemacht.

Ja zum Urheberrecht, Nein zur aktuellen Vermarktungspraxis

Die Ausstrahlung und Vermarktung hochwertiger TV-Produktionen mutet bisweilen etwas seltsam an. Ensprechend fühlt sich der eifrige Netz-User bisweilen ein wenig veschaukelt, wenn es um Sendetermine, DVD-Veröffentlichung und legale Streaming-Portale geht. Wie lange, fragen sich viele Konsumenten, soll man, bitteschön, im Zeitalter 3.0 darauf warten, einen legalen Zugang zu beispielsweise einer TV-Serie zu erhalten? Wie steinig der Weg zum legalen Konsum bisweilen sein kann, illustriert der folgende Comic-Strip wunderschön. Man sieht hier: Nicht nur wir in Europa, auch der durchschnittliche amerikanische TV-Zuschauer ringt mit dem Angebot.

Ausstrahlung von Game of Thrones – „da kuckst du in die Röhre, was?“

Matthew Inman von theoatmeal.com hat das Dilemma wunderschön anhand des Beispiels „Game of Thrones“ in einem Cartoon illustriert. Produziert wird GoT bekanntlicherweise von HBO, einem US-Kabel-TVSender, den man nur empfängt, wenn man ihn kostenpflichtig abonniert. Wenn man als US-Bürger kein HBO abonniert hat, sieht der Versuch, GoT legal anzuschauen, dann so aus:


„Wer nicht verkauft, der wird beklaut“ (spiegel.de)

GoT erreicht bei HBO pro Folge eine Rekortquote von 4 Millionen Zuschauern – doch angesichts des riesigen TV-Marktes in den USA sind diese Zahlen verschwindend gering. Natürlich ist es HBO unbenommen, seine Hit-Serie nur  HBO-Abonnenten zur Verfügung zu stellen. Doch wer die Verbreitungskanäle  den Konsumentenwillen nicht  in Betracht zieht, läuft in die Gefahr, zahlende Zuschauer zu verlieren. Natürlich heißt die Konsequenz nicht: Bitte alles kostenfrei, denn so will es der Zuschauer. Vielmehr geht es darum, dem Publikum so gut wie möglich entgegenzukommen. Nur so kann es der Industrie gelingen, potentiell zahlungswillige Zuschauer auch zum Blechen zu gewinnen.

Game of Thrones – das sieht der US-Zuschauer

Die Realität sieht jedoch anders aus. Im Falle der Hit-Serie Game of Thrones erfolgt die Verbreitung aktueller Folgen zunächst nur über HBO. Nicht mal hulu und Co. werden bedient. Denn auch die großen US-Streamingportale sind keine Allround-Plattform: Hulu wird von BC, Fox und Disney betrieben. HBO gehört nicht zur Gruppe – und sendet seine Serie folglich nur auf dem eigenen Kanal. (siehe Artikel auf 1live). Alle US-Zuschauer, die den Bezahl-Kanal nicht abonniert haben, schauen im Falle von Got folglich in die Röhre – bzw. auf die nächste illegale Streaming-Plattform.

Game of Thrones –das sieht der deutsche Zuschauer

Im Falle des deutschen Publikums sieht die Sachlage noch ein wenig verzwickter aus, denn der Zugang zum Internet als Video-on-demand-Medium ist dem deutschen Zuschauer noch weitestgehend verschlossen. Die Historie der Ausstrahlung verlief folgendermaßen:

a) Erste legale Ausstrahlung in Deutschland beim Pay-TV-Sender TNT Nov. 2011 – Jan 2012. (Originalausstrahlung in USA: April bis Juni 2011)

Kommentar: Siehe Cartoon. Nein, es besteht kein Interesse, TNT zu abonnieren, nur um EINE Serie zu sehen. Und dann noch 5 Monate später…

b) Ausstrahlung über RTL2 ab April 2012. Laut Spiegel-Einschätzung hat ein Großteil der Fernsehzuschauer die Serie zu dem Zeitpunkt bereits illegal gesehen.

Kommentar 1: Ein geschlagenes Jahr nach der Originalausstrahlung !?!

Kommentar 2: Da RTL2 die Serie u.a. zur Primetime ausstrahlen will, werden die Folgen geschnitten, um eine FSK-Freigabe von 12 zu erreichen (siehe FR-Online). Scheinbar (siehe Schnittbericht für die 1. Folge) sind die Kürzungen jedoch moderat und stöhren den Handlungsfluss nicht. Die ungeschnittene Version wird nachts wiederholt.

c) US-DVD-Version erscheint (6. März 2012)

Wenigstens ist es kein Problem, als deutscher Kunde die US-DVD-Version zu erwerben – auch, wenn diese nach wie vor mit einem anderen Regionalcode versehen ist …. Wie gut, das im Internet steht, wie man DVD-Player codefrei schaltet…

Was will der Zuschauer?

Doch was wollen die Zuschauer, die sich HBO-Knaller in Originalsprache illegal im Internet anschauen? Viel TV für lau? Nicht ganz – viele Zuschauer sind echte Film- und Serienfans. Sie suchen:

a) Ausstrahlung der Sendung unmittelbar nach der Originalausstrahlung in den USA

Kaum ein Zuschauer der Generation digital native ist heute bereit, ein halbes Jahr oder länger auf eines Sendung zu warten, die im amerikanischen Internet bereits wild diskutiert wird.

b) Zugang zu einer ungeschnittenen Fassung in Originalsprache.

Nicht wenige Fans sind bereit, ihre Show im Original anzuschauen. Andere ziehen die Originalfassung sogar vor. Es ist deshalb nicht notwendig, sofort eine deutsche Synchro zu liefern – Untertitel würden völlig ausreichen

Lange Verzögerungen bei der Verbreitung von TV- und Kinomaterial wie sie vor 10 Jahren Gang und Gäbe waren, funktionieren im Internet-Zeitalter nicht mehr. Schließlich liest der Film-interessierte Internetuser direkt nach der Erstausstrahlung über Social-Network, Foren und US-Blogs die begeisterten Kommentare von US-Zuschauern über die neusten Knüller von HBO und Co – und weiss bereits beim Lesen, dass er diesen neuen Fernsehspaß frühstens in einem halben Jahr, möglicherweise später legal zu sehen bekommen wird. Denn im Gegensatz zu dem Cartoon-Männchen sind uns in Europa die Wege über hulu, Netfix und Co. versperrt.

Wenn ihr mein Geld nicht haben wollt, dann eben nicht

Es geht im Beispielfall Game of Thrones nicht um kostenpflichtiges oder kostenloses Schauen der-50 Millionen-Serie – ganz klar haben HBO, George Martin und alle Beteiligten das Recht, für ihr gigantisches Machwerk Geld zu verlangen: Schließlich kostete bereits die Pilotfolge 5- 10 Mio. Dollar (siehe Wiki). Vielmehr geht es um TV-Sender und Produktionsfirmen, die ihre Vertriebsstrukturen nicht an an das Internetzeitalter anpassen wollen – und dadurch selbst zahlungswillige Kunden verpassen. Zwar mögen viele Zuschauern nicht bereits ein, einen müden Cent für ein hochwertiges, künstlerisches Produkt auszugeben – doch ebenso sind zahllose Konsumenten bereit, für ihr Lieblings-TV in die Tasche zu greifen. Nur, dass diese Nutzer eine klare Vorstellung von dem Produkt haben, dass sie kaufen möchten – und im Mittelpunkt der Produktanforderung steht „aktuell“. Und so finden sich viele Internetuser in dem Cartoon-Männchen wieder, dem der legale, käufliche Erwerb einer aktuellen TV-Serie wie GoT einfach nicht ermöglicht wird.

Keine Alternative in Deutschland

Deutsche Zuschauer haben leider in der ganzen Debatte kaum eine Alternative. Denn ein leistungsstarkes Streamingportal wie hulu oder netfix, die, wenn schon nicht von allen, so  wenigstens von einigen großen Produzenten betrieben werden, gibt es nicht. Hier kocht jeder sein eigenes Süppchen und diese Süppchen entpuppen sich bei näherer Betrachtung (so z.B. durch 1live) als eine ziemlich salzlose Angelegenheit. Auswahl? Fehlanzeige. Originalsprache? Weit gefehlt. Aktualiät? Vergiss es. Dem deutschen Konsumenten bleibt deshalb nichts anderes übrig, als einen Aufruf an Industrie und Staat zu starten, endlich zeitgemäße Verhältnisse zuschaffen: Die Industrie durch ein zeitgerechtes Angebot, das Usern und Künstlern gerecht wird (siehe 1live zur miserablen Vergütung der Musiker bei Streamingportalen wie Spotify) und der Staat durch eine Rechtslage, die US-Angeboten nicht durch ein Lizenzenwirrwarr den Weg nach Europa versperrt.

Quellen

Spiegel

The Oatmeal

Schnittberichte.com

Game of Thrones auf Wikipedia

FR-Online zur RTL2-Ausstrahlung

Zeit.de

1live über Musikstreaming-Portale

1live über Video-Spotify

1live über Online-Videotheken

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